Capote
Drama, Kanada/USA 2005, 114 Minuten, ab 12
Originaltitel: Capote; Deutschlandstart: 02.03.2006 (Sony Pictures); Regie: Bennett Miller; Produktion: Michael Ohoven, Caroline Baron u.a.; Drehbuch: Dan Futterman nach der Vorlage von Gerald Clarke; Musik: Mychael Danna; Kamera: Adam Kimmel; Schnitt: Christopher Tellefsen

mit Philip Seymour Hoffman (Truman Capote), Catherine Keener (Harper Lee), Clifton Collins Jr. (Perry Smith), Chris Cooper (Alvin Dewey), Bruce Greenwood (Jack Dunphy), Bob Balaban (William Shawn), Amy Ryan (Marie Dewey), Mark Pellegrino (Richard Hickock), Allie Mickelson (Laura Kinney), Marshall Bell (Warden Marshall Krutch), Araby Lockhart (Dorothy Sanderson), R.D. Reid (Roy Church), Rob McLaughlin (Harold Nye), Harry Nelken (Sheriff Walter Sanderson) u.a.

Filmplakat
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Offizielle Website (Sony Pictures )
Trailer (Sony Pictures )
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Truman Capote und seine Freundin Harper Lee. Ermittler und Reporter treffen aufeinander. Die Angeklagten Perry Smith und Richard Hickock. Capote redigiert die ersten Seiten seines Romans.

Hatte Laura gesagt 'erschüttert'? - Äh, 'ziemlich erschüttert'. 'Ihm ist davor noch nie irgendwas schlimmes passiert.' Ich kann mich zu 94% an jedes Gespräch erinnern. - 94 Prozent? - Ich hab mich selbst getestet.. - Harper Lee und Capote machen nachträgliche Gesprächsnotizen.

Plot: Kein Biopic im herkömmlichen Sinne, verzichtet Capote darauf, das an Tragödien und Triumphen reiche Leben des exzentrischen Schriftstellers Truman Capote von Geburt bis Tod filmisch aufzuarbeiten, und konzentriert sich auf die Ereignisse der Jahre 1959 bis 1965. Und das aus gutem Grund, denn diese Zeitspanne umfasst die Arbeit Capotes an seinem wohl einflussreichsten Roman, dem literarischen Tatsachenbericht Kaltblütig.
Im November 1959, soweit die Vorgeschichte, ereignet sich in einem verschlafenen Provinzort namens Holcomb, irgendwo in der Einöde von Kansas, ein grausamer Massenmord an der angesehenen Farmerfamilie Clutter. Truman Capote (Philip Seymour Hoffman), egozentrischer Autor des Bestsellers Frühstück bei Tiffanys, stößt bei der morgendlichen Zeitungslektüre auf einen kurzen Bericht, der sich mit dem mysteriösen Mordfall befasst, und weiß instinktiv, dass er auf eine Goldader gestoßen ist. Er reist gemeinsam mit seiner Jugendfreundin, der Autorin Lee Harper (ihrerseits später zu großem Erfolg gelangt durch Wer die Nachtigall stört; im Film dargestellt von Catherine Keener), an den Ort des Verbrechens, um Nachforschungen für einen journalistischen Bericht zu betreiben. Das skurrile Aufeinandertreffen zwischen dem homosexuellen Großstadtmenschen und High Society-Darling Capote mit all seinem gestelztem Gehabe und den etwas spießigen Provinzbürgern ist eine sehr humorvolle Facette des Plots.
Aus Capotes Bericht wird bald die Vision eines weitumspannenden Romans, zumal, als die beiden Mörder, Perry Smith (Clifton Collins Jr.) und Richard Hickock, schließlich gefasst und zum Tode verurteilt werden. Capote geht eine ambivalente Freundschaft zu Smith ein, der als eine Art dunkler Zwillingsfigur gezeichnet wird, und missbraucht ihn zunächst als wertvolle Quelle für seine literarische Recherche. Die Beziehung der Beiden nimmt jedoch bald erotisch geprägte, für Capote verhängnisvolle Züge an. Einerseits will er Smith helfen und engagiert einen Anwalt zur Verteidigung der beiden Männer, andererseits zermürbt ihn die jahrelange, durch Aufschübe des Hinrichtungstermins erwirkte Zeit des Wartens. Denn sein Roman, das weiß Capote, kann nicht vollendet werden, bevor die Männer gehängt worden sind.

Kritik: Vermutlich ist es unfair, dem Film etwas vorzuhalten, was er aus bestimmten Gründen nicht zu seinem Thema gemacht hat. Die Faszination des Romans Kaltblütig, der die Geschichte des Verbrechens an den Clutters und seine Hintergründe erzählt, liegt meiner Meinung nach vor allem in dem brilliant dargestellten und äußerst lakonisch geschilderten Einbruch des Bösen, der dunken Seite Amerikas, in die vordergründig heile, idyllische Welt der ländlichen Provinz.

Die hervorragenden Anfangssequenzen von Capote illustrieren genau diesen Aspekt: die im Novemberwind wogenden Weizenfelder, eine leere Landstrasse, ein beschauliches Farmerhaus, das sich organisch in das von Ruhe und Frieden geprägte Landschaftsbild einzufügen scheint. Und dann eine junge Frau, die in der Wohnung der Clutters umhergeht, um nach den Bewohnern zu sehen. Die Stille des Hauses ist mit einem Mal nicht mehr idyllisch, sondern äußerst bedrohlich, da der Zuschauer bereits ahnt, dass die Frau keine Lebenden mehr vorfinden wird. Doch Capote versteht sich nicht als Thriller, sodass die Anfangsszenen nicht mehr als die Ouvertüre sind zu einem komplexen Moralstück. Im Mittelpunkt steht die quasi amour fou des Autors mit Perry Smith und die Schuldfrage, die sich aus dem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen ehrlich empfundener Freundschaft des Menschen Capote und dem berechnenden Kalkül des Romanautors Capote ergeben.
In dieser Verkürzung des dramatischen Stoffes um Verbrechen, Tod und künstlerischem Schaffen auf den moralischen Verfall des Autors liegt jedoch ein Problem des Films. Capotes Qualitäten liegen sicherlich in der ausgewogenen Charakterzeichnung der Hauptfigur, an der die subtile Regie von Bennett Miller ebenso ihren Anteil hat wie das Spiel des Hauptdarstellers. Philip Seymour Hoffman lotet beeindruckend alle sonderlichen Facetten des dandyhaften Capote aus, ohne ihn zu einer Selbstkarikatur verkommen zu lassen. Capote ist immer in solchen Szenen besonders stark, wenn der psychische Eindruck des unfassbaren Verbrechens und der Versuch seiner künstlerischen Verarbeitung angerissen werden. Gerade dieser Aspekt kommt jedoch zu kurz: Da wäre die nervöse Anspannung innerhalb der Familie des ermittelnden Polizeibeamten Al Dewey (klasse wie immer: Chris Cooper), das Interview Capotes mit einer Schulfreundin der ermordeten Clutter-Tochter (die Verstörung des Mädchens einerseits und Capotes drängende Fragen, eine Mischung aus Einfühlsamkeit und blutsaugerischem Raffinement, andererseits), oder auch die spannungsvollen Momente, in denen Capote im Rahmen einer Lesung zum ersten Mal aus seinem unvollendeten Manuskript vorliest und seine Zuhörer mit der Wucht seiner Schilderungen gefangennimmt. In solchen Szenen erahnt man, wie herausragend der Film hätte werden können, hätte er sein dramatisches Potential besser ausgeschöpft.

Fazit: Größtenteils mitreißendes und eindrucksvoll gespieltes Psychogramm des Autoren-Exzentrikers Truman Capote, das nicht sein ganzes Suspense-Potential ausreizen kann: 8 von 10 quäkige Babystimmen!

Nachtrag: Bei den Oscars 2006 erhielt Philip Seymour Hoffman den Preis für den Besten Hauptdarsteller.

Dominik Rose
04.03.2006

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83 Stimmen
Schnitt: 4.9
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Leser-Kommentare:
Dominik (05.04.06): @tousled: Das Buch "Kaltblütig" ist, ich kann mich da nur wiederholen, der absolute Hammer! Selten sowas Nervenaufreibendes gelesen (zumal auch, im Gegensatz zum Film, die Geschichte der ermordeten Familie erzählt wird)!
tousled (05.04.06): der film war einfach nur toll! ich habe einen kinosall nach der vorstellung noch nie so still erlebt! er ist wirklich sehenswert! ich werde mit auf jedenfall das buch "kaltblütik" von capoe kaufen! der film hat mich echt neugierig gemacht.
Dominik (22.03.06): Der Babybreicocktail ist extrem lecker und jedem sehr zur Nachahme zu empfehlen- Prost!
Olaf (21.03.06): Sehr interessanter Film, der extrem auf seine Hauptfigur fokussiert ist. Ein verdienter Oscar für Philip Seymour Hoffman. Für den Film aber auch von mir nur 8 von 10 Babybreicocktails
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