Nymphomaniac
Drama, Dänemark / Deutschland 2013, 110 Minuten, ab 16, Prädikat: Besonders wertvoll
Originaltitel: Nymphomaniac; Deutschlandstart: 20.02.2014 (Concorde Filmverleih); Regie: Lars von Trier; Produktion: Bettina Brokemper, Marie Cecilie Gade u.a.; Drehbuch: Lars von Trier; Kamera: Manuel Alberto; Schnitt: Morten Højbjerg, Molly Marlene, Stensgaard

mit Charlotte Gainsbourg (Joe), Stellan Skarsgård (Seligman), Stacy Martin (Junge Joe), Shia LaBeouf (Jerôme), Christian Slater (Joes Vater), Uma Thurman (Mrs. H), Sophie Kennedy Clark (B) u.a.

Filmplakat
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Trailer ()
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Seligman findet Joe in einem dunklen Hof.
Er peppelt sie auf und sie kommen ins Gespräch. B und Joe auf der Jagd . Joe arbeitet als Sekretärin und trifft Jerome wieder.

Ich lächle sie an und stell Blickkontakt her. Wenn du reden musst, denk dran, stell viele W-Fragen, wenn du mehr als ein Ja oder Nein zur Antwort willst. Dann läuft alles wie von selbst. Du nimmst sie einfach mit auf Toilette und hast Sex mit ihnen. - Aber was, wenn es ekelig ist? - Dann denkst du eben an die Tüte mit den Süßigkeiten. - B lernt Joe für den Männerfang an.

Plot: Es war einmal an einem verregneten Winterabend in einer von Backsteinhäusern umstandenen Gasse, als der musikliebhabende Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgard) auf seinem Nachhauseweg eine bewusstlose, blutende Frau (Charlotte Gainsbourg) am Boden liegend vorfindet und – nachdem sie zu sich gekommen ist – mit zu sich nach Hause nimmt, um sie mit Tee und Gebäck wieder aufzupäppeln.
Einige Zeit später, inzwischen fallen schwere Schneeflocken vor Seligmans Fenster hinab, beginnt die entkräftete Frau, die sich als Joe vorstellt, von ihrer Misere zu erzählen, einer Geschichte aus 1001 Nacht von sexueller Ausschweifung und unerfüllter Sehnsucht, während der gutmütige Seligman aufmerksam lauscht und an den passenden Stellen Einwände erhebt oder Anekdoten aus der Musikhistorie, bzw. über die Kunst des Fliegenfischens zum Besten gibt, um die von Selbsthass erfüllte Frau moralisch aufzurichten. Joes (in jungen Jahren gespielt von der Newcomerin Stacy Martin) Erzählung dreht sich – in chronologisch aufeinander folgenden Kapiteln unterteilt – im Wesentlichen um die Höhepunkte ihrer Nymphomanie, ihren stetig wachsenden Appetit auf Sex, und die misslichen Situationen, die sich daraus ergeben haben. Die Ernüchterung des ersten Mals mit dem eher plump zu Werke gehenden Motorradtüftler Jerome (Shia LeBeouf), die extravaganten Sexwettbewerbe mit ihrer forschen Freundin B. in diversen Zugabteilen, ihre unzähligen Sexkapaden mit den unterschiedlichsten Männern, immer auf der Suche nach einem aufregenderen, erfüllteren Leben.

Kritik: So unterschiedlich Lars von Triers Filme auch sind, in punkto erinnerungswürdiger Bilder enttäuscht der dänische Exzentriker eigentlich nie. Im ersten Teil seines als „Kunstporno“ skandalisierten Nymphomaniac finden sich eine ganze Reihe grandioser Einstellungen, die den düsteren Charme alter Industriebauten einfangen, mit heruntergekommenen Hinterhöfen, deren Tristesse von niederprasselnden Regentropfen unterstrichen wird, in langen Kellergängen ausgebreiteten Heizungsrohren, dazu dem in seiner Künstlichkeit und den ausgesuchten Requisiten an eine Theaterbühne erinnernden Heim von Seligman, vor dessen Fensterscheibe es heimelig schneit. Die sepiafarbene Ästhetik des Films lässt im ersten Moment an die frühen 80er Jahre denken, aber so richtig klar wird es eigentlich nicht, in welcher Zeit Nymphomaniac eigentlich spielt. Dadurch gewinnt die Geschichte eine fast märchenhafte Zeitlosigkeit (skurril kontrastiert mit Rammsteins brachial-dumpfer Stampfmusik), die ganz gut zum selbstironischen Tonfall des Films passt.

Tatsächlich ist Nymphomaniac Teil 1 einer der komischsten Filme von Triers (grandios: die Szene mit Uma Thurman als betrogener Ehefrau!). Vielleicht liegt es daran, dass die Sucht nach Sex als Thema eines Films mehr Potential für einen frivolen, humorvollen Tonfall bietet als etwa ein Film über Drogensucht oder über den Untergang der Welt (Melancholia). Es sind weniger die zynisch-grimmigen Seitenhiebe, die sich in vielen Werken des Regisseurs finden, sondern eine verspielte Ironie, die gepaart ist mit echter Anteilnahme am Schicksal seiner Heldin, die zum Glück weder eine weibliche Märtyrerin wie Björk in Dancer in the Dark oder Emma Watson in Breaking the Waves, noch einen dämonisierten Racheengel á la Charlotte Gainsbourg im Antichrist geben muss (wobei in Teil 2 ja noch einiges passieren kann). Kaum zu glauben, aber in den bedrückenden Krankenhausszenen zwischen Joe und ihrem todkranken Vater (ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Teeniestar Christian Slater) hat man fast den Eindruck, der alte Zyniker Lars von Trier ist inzwischen einfühlsam geworden.
Wenn der Film eine Schwäche hat, dann liegt die wohl im konstruierten Charakter des Plots begründet, der sich manchmal wie eine Versuchsanordnung anfühlt – ähnlich der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die der enzyklopädisch gebildete Seligman immer wieder einstreut. Alles scheint einem ideologischen Masterplan zu gehorchen, der vorweg eine Diagnose über die Unmöglichkeit von Liebe aufstellt und diese anschließend Schritt für Schritt, bzw. Kapitel für Kapitel zu bestätigen versucht. Andererseits ist das alles aber mit einer solchen Finesse erzählt, mit verspielten philosophischen und historischen Querverweisen, die wiederum kunstvoll mit den Episoden der Nymphomanin Joe verknüpft sind, dass es wirklich ein großer Spaß ist, von Trier bei diesem kunstvollen Konstrukt zuzuschauen. In seiner Geschichte haben botanische Einsichten ebenso Platz wie ausschweifende Exkurse über Bachs Polyphonie, die Zahlenreihe des mittelalterlichen Mathematikers Fibonacci oder die Aristokratenjagd der Bolschewiki. Bemerkenswert, dass gerade die Sexszenen, über die in der Presse am meisten geschrieben wurde, eher profan und wenig aufregend präsentiert werden. Aber andererseits geht es bei all der Vögelei im Grunde um existentielle Einsamkeit, eines der Hauptthemen in Von Triers Werk. Der entblößte Körper Joes, bekennt die Heldin in einer Szene, ist „voll von Tränen und Einsamkeit“.

Fazit: Einer der besten Filme Lars von Triers: frivol, provokant, tiefgründig und makellos inszeniert: 9 von 10 Wettbewerbe um die Bonbontüte!

Dominik Rose
01.03.2014

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300 Stimmen
Schnitt: 4.7
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Leser-Kommentare:
Olaf (10.03.14): Im Gegensatz zu Dominik bin ich nicht so richtig mit Nymphomaniac. Zwar hat der Film im Rückblick dann doch erstaunlich viele starke Szenen gehabt, aber er war mir eindeutig zu lang. Und die Szenen mit Seligman fand ich nicht ironisch sondern eher unfreiwillig komisch. Die Vergleiche mit dem Angeln? Lächerlich! Der Verweis auf Fibonacci-Zahlen? Spätestens nach Gödel-Escher-Bach nicht mehr zu verwenden. Die Verweise auf Bach? S.o. aber immerhin passt die Polyphonie zum Thema. Worum es im Film geht, ist nach einer halben Stunde klar und dann dauert er noch 1 1/2 Stunden... 5 von 10 Orgasmusfotos nur für die Werbung.
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